Chario – Lautsprecher mit italienischer Seele

Chario – Lautsprecher mit italienischer Seele

Lukas Linek

Membranen, Schrauben, Aluminium, Carbon, irgendein Material aus der Raumfahrt und daneben ein Datenblatt, das erklären soll, warum man gerade sehr beeindruckt sein müsste. Sowas haben wir unzähliche Male gesehen und gelesen. Und dann gibt es Chario.

Man sieht das Holz, fährt vielleicht einmal mit der Hand über das Gehäuse und versteht eigentlich schon ziemlich gut, worum es hier geht. Wow... Walnuss. Was für eine Qualität. Hier hat jemand mit Liebe zum Detail gearbeitet.

Doch wer "ist" Chario überhaupt?

Chario baut seit 1975 Lautsprecher in Italien. Das Unternehmen stammt aus Mailand und gehört damit zu den Herstellern, die lange genug dabei sind, um schon einige Moden im HiFi kommen und wieder verschwinden gesehen zu haben. Der eigene Anspruch ist bis heute erstaunlich konsequent geblieben: Lautsprecher sollen Musik möglichst natürlich wiedergeben und die Technik soll sich diesem Ziel unterordnen. Entwicklung, Chassis, Gehäuse und die akustische Abstimmung betrachtet Chario dabei als zusammengehöriges Ganzes. Die Lautsprecher werden in Italien gefertigt beziehungsweise montiert, viele wesentliche Komponenten entwickelt Chario selbst.

Das klingt zunächst nach einem Satz, den ungefähr jeder Lautsprecherhersteller auf seine Website schreiben könnte. Bei Chario merkt man aber recht schnell, dass etwas anderes dahintersteckt. Vielleicht liegt es daran, dass die Italiener nie ganz dieser Vorstellung gefolgt sind, ein guter Lautsprecher müsse vor allem möglichst analytisch klingen. Diese fast chirurgische Art der Musikwiedergabe, bei der man nach zehn Minuten exakt weiß, wo der Tonmeister das Mikrofon hingestellt hat, aber nach einer halben Stunde eigentlich keine Lust mehr auf Musik hat, ist Charios Sache nicht.

Chario beschäftigt sich seit Jahrzehnten intensiv mit Elektroakustik, Psychoakustik und dem Zusammenspiel zwischen Lautsprecher und realem Wohnraum. Genau dieser letzte Punkt ist uns besonders sympathisch. Denn die meisten Menschen hören ihre Musik nicht in einem akustisch optimierten Labor. Sie hören in einem Wohnzimmer. Dort steht ein Sofa. Ein Tisch. Vielleicht ein Bücherregal. Vielleicht liegen drei Plattenhüllen herum, weil man sie seit Sonntag nicht weggeräumt hat. Irgendwo steht eine Pflanze, die eigentlich schon wieder Wasser bräuchte. Und genau in diesem Raum soll ein Lautsprecher funktionieren. Chario betrachtet deshalb nicht nur die einzelne Membran, sondern auch Abstrahlung, Bodenreflexionen, Aufstellung und die Art, wie unser Gehör Schall im Raum tatsächlich wahrnimmt.

Das Ergebnis hat etwas sehr Eigenes.

Chario Lautsprecher klingen nicht klein. Sie versuchen auch nicht, mit übertriebener Brillanz künstlich mehr Detail vorzutäuschen. Stattdessen entsteht diese große, körperhafte und gleichzeitig angenehm entspannte Art der Wiedergabe, bei der Stimmen Substanz besitzen, Instrumente Farbe bekommen und Musik nicht bloß zwischen zwei Lautsprechern stattfindet.

Vor allem aber besitzen sie etwas, das man auf keinem Frequenzdiagramm vernünftig darstellen kann: Charme.

Und ja, dieses Wort ist gefährlich. In regulären HiFi-Texten bedeutet „charmant“ manchmal lediglich, dass etwas ein bisschen zu weich klingt und man versucht, höflich darüber hinwegzuschreiben.

Das meinen wir hier ausdrücklich nicht.

Chario kann dynamisch. Chario kann Bass. Chario kann erstaunlich deutlich zeigen, was eine Aufnahme hergibt. Aber die Lautsprecher machen daraus keine Demonstration. Man hört diese Fähigkeiten nicht ständig mit erhobenem Zeigefinger. Das ist für uns ein gewaltiger  Unterschied.

Vielleicht passt Chario deshalb gerade heute so gut. Viele von uns zwischen dreißig und Mitte vierzig sind mit einer etwas seltsamen Mischung groß geworden. Wir kennen CDs noch als physische Gegenstände, haben irgendwann unsere komplette Musiksammlung gerippt, streamen heute selbstverständlich und kaufen gleichzeitig wieder Schallplatten. Wir wollen hervorragenden Klang, haben aber wenig Interesse daran, unser Wohnzimmer in einen technischen Maschinenraum zu verwandeln.

Und wenn wir einige tausend Euro für einen Lautsprecher ausgeben, darf er verdammt noch einmal auch schön sein.

Bei Chario ist das kein Nebenthema - Das verwendete Walnussholz stammt aus Italien. Für die aufwendigeren Gehäuse wird das Holz über Monate getrocknet und anschließend verarbeitet. Bei der aktuellen Aviator-Serie spricht Chario von bis zu 50 bis 80 Stunden handwerklicher Arbeit pro Lautsprecher, bei der Constellation MK2 von etwa 35 bis 50 Stunden.

Und man sieht es ihnen an (Holy moly, dieses Finish...).

Nicht auf diese perfekte, sterile Weise eines industriellen Luxusgegenstands. Sondern eher wie bei einem guten Möbelstück, das man auch nach zehn oder zwanzig Jahren noch gerne im Raum stehen haben möchte. Besonders gut lässt sich die Philosophie von Chario an der Pegasus MK2 verstehen, die bei uns in der Burggasse vorführbereit steht.

Die Pegasus ist ein Drei-Wege-Standlautsprecher mit einem 38-mm-Soft-Dome-Hochtöner sowie zwei 170-mm-Chassis. Eines davon arbeitet nach vorne, das zweite unterstützt den Tieftonbereich in Verbindung mit Charios NRS-Konzept und der bodennahen Konstruktion. Das Gehäuse verbindet massives Walnussholz mit HDF und bringt pro Lautsprecher durchaus respektable 26 Kilogramm auf die Waage.

Interessanter als diese Zahlen ist allerdings, was die Pegasus daraus macht. Sie ist ein Lautsprecher für Menschen, die Musik nicht im Miniaturformat hören möchten. Eine gute Stimme steht mit entsprechender Größe im Raum. Ein Flügel bekommt einen Körper. Bei elektronischer Musik ist unten herum tatsächlich etwas vorhanden, und ein Schlagzeug besitzt diesen kurzen Moment physischer Energie, den kleinere Lautsprecher gerne sehr korrekt ankündigen, aber dann doch nicht ganz liefern.

Trotzdem gehört die Pegasus nicht zu diesen Lautsprechern, die permanent beweisen müssen, wie groß sie sind. Das mögen wir besonders an ihr. Eleganz, schönes finish, tolle Form... und endlich auch etwas Understatement. Sie kann einen Raum füllen, ohne ihn akustisch zu überfahren. Sie besitzt Wärme, ohne Details zu verschlucken. Und sie kann ausgesprochen fein spielen, ohne dünn zu werden. Das macht sie zu einem dieser Lautsprecher, bei denen man nach einer Stunde feststellt, dass man eigentlich nur zwei Stücke anhören wollte.

Sehr italienisch, wenn man so möchte. Man wollte nur kurz bleiben und sitzt drei Stunden später noch immer am Tisch.

Und dann wäre da noch die Chario Nobile.

Schon der Name klingt ein wenig so, als sollte man dazu zumindest ein ordentliches Glas Wein auf den Tisch stellen. Die Nobile stammt aus Charios höher positionierter Aviator-Serie und ist ein Zwei-Wege-Kompaktlautsprecher, wobei „Kompaktlautsprecher“ hier ein wenig irreführend sein kann. Mit 44 Zentimetern Höhe, elf Kilogramm Gewicht pro Stück und einem Gehäuse aus massivem italienischem Walnussholz ist sie kein kleiner Satellit, den man unauffällig irgendwo ins Regal schiebt.

Gut so.

Technisch arbeitet sie mit Charios großem 38-mm-Soft-Dome-Hochtöner samt Waveguide und einem 160-mm-Rohacell-Tiefmitteltöner. Auffällig ist auch die für Chario typische umgekehrte vertikale Anordnung der Chassis. Der Hersteller gibt eine Empfindlichkeit von 90 dB und eine untere Grenzfrequenz von 50 Hz bei minus drei Dezibel an.

Aber wieder gilt: Man kann sich mit diesen Zahlen beschäftigen. Man muss nicht. Denn die Nobile versteht man beim Hören, wie so häufig bei besonderen Lautsprechern, wesentlich schneller. Sie besitzt etwas wunderbar Erwachsenes. Sie versucht nicht, größer zu klingen, als sie ist, und klingt gerade deshalb überraschend groß. Bass ist nicht einfach nur vorhanden, sondern hat Farbe und Struktur. Stimmen haben dieses leicht seidige, körperhafte Element, das gerade bei guten Aufnahmen sehr schnell süchtig machen kann. Gleichzeitig bleibt der Hochton präsent und offen, ohne einem nach zwanzig Minuten die Ohren polieren zu wollen. Chario selbst beschreibt die Nobile als detailreich, kontrolliert und bewusst langzeittauglich, mit einem Hochton, der präsent sein soll, ohne aggressiv zu werden. Das trifft die grundsätzliche Idee hinter diesem Lautsprecher ziemlich gut. Sie ist wunderschön verarbeitet, ohne Designobjekt spielen zu müssen. Sie ist technisch anspruchsvoll, ohne daraus eine Religion zu machen. Und sie besitzt diese seltene Fähigkeit, sowohl einer guten analogen Kette als auch einer modernen Streaming-Anlage etwas sehr Menschliches mitzugeben.

Man kann damit am Freitagabend konzentriert eine Platte hören. Man kann am Samstag beim Kochen irgendeine Playlist laufen lassen. Und irgendwann am Sonntag sitzt man mit Kaffee auf dem Sofa, hört ein Album, das man seit zehn Jahren kennt, und bleibt plötzlich bei einem Stück hängen, das man sonst immer übersprungen hat.

Vielleicht ist genau das gutes HiFi - Nicht ständig mehr Informationen zu bekommen, sondern wieder mehr Musik hören zu wollen.

Bei Longtone haben wir die aktuelle Chario Constellation MK2 Welt, die Pegasus MK2 und die Aviator Nobile in der Vorführung. Gerade der direkte Vergleich ist spannend, weil man sehr schnell merkt, dass sich trotz unterschiedlicher Größe und Preisklasse eine gemeinsame Handschrift durch die Lautsprecher zieht. Keine künstliche Show, keine sterile Perfektion - Dafür Holz, Substanz, Farbe, Dynamik und diese schwer messbare Eigenschaft, wegen der man nach dem letzten Stück doch noch eines auflegt.

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