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Ortofon 2M Blue
Ortofon 2M Blue
Das Ortofon 2M Blue ist für uns einer dieser Tonabnehmer, bei denen die eigentliche Faszination nicht darin liegt, dass plötzlich alles anders klingt. Es liegt vielmehr darin, dass auf einmal mehr von dem da ist, was vorher schon in der Rille steckte: mehr Luft zwischen den Instrumenten, mehr Struktur in Stimmen, mehr Kontur im Bass und dieses schöne Gefühl, dass die Musik sich ein Stück weiter von den Lautsprechern löst.
Wer vom 2M Red kommt, versteht den Unterschied meist ziemlich schnell. Der grundsätzliche Charakter der 2M-Familie bleibt erhalten, aber das Blue wirkt erwachsener, feiner und freier. Ortofon selbst beschreibt es gegenüber dem Red als offener, dynamischer und detailreicher, und genau dort liegt auch der wesentliche Schritt. Es geht nicht darum, plötzlich möglichst viele kleine Nebengeräusche aus einer Platte zu ziehen, sondern darum, musikalische Zusammenhänge sauberer zu erfassen. Ein Basslauf lässt sich leichter verfolgen, eine Stimme bekommt mehr Textur, der Nachhall eines Raums bleibt länger stehen und komplexe Passagen wirken weniger dicht gedrängt.
Der entscheidende Unterschied sitzt dabei ganz vorne.
Das 2M Blue verwendet einen nackten elliptischen Diamanten, einen sogenannten Nude Elliptical Stylus. Beim 2M Red wird der eigentliche Diamant auf einen kleinen Träger gesetzt, beim Blue ist der Diamant selbst direkt mit dem Nadelträger verbunden. Dadurch lässt sich die bewegte Masse reduzieren, und genau das ist bei einem Tonabnehmer ausgesprochen wertvoll, denn die Nadel muss winzigen Richtungsänderungen in der Plattenrille folgen, und zwar mehrere tausend Mal pro Sekunde, ohne dabei den Kontakt zur Rille zu verlieren oder unnötige Energie mit sich herumzutragen.
Der Schliff bleibt elliptisch, der Aufbau wird aber feiner.
Ortofon gibt für den Diamanten einen Radius von 8/18 µm an und kombiniert ihn mit einem Aluminium-Nadelträger. Die Abtastfähigkeit steigt gegenüber dem Red ebenfalls, offiziell auf 80 µm bei 315 Hz. Das sind zunächst trockene Zahlen, aber sie beschreiben ziemlich genau, warum das Blue bei schwierigen Passagen souveräner wirkt: Die Nadel kann den Modulationen in der Rille genauer folgen und bewegt sich dabei leichter.
Das merkt man besonders dort, wo Vinyl anspruchsvoll wird.
Am Ende einer Plattenseite beispielsweise liegen die Rillen enger zusammen, die lineare Geschwindigkeit unter der Nadel sinkt, und komplexe Hochtoninformationen werden schwieriger abzutasten. Ein besserer Diamant und eine geringere bewegte Masse können hier einen deutlichen Unterschied machen. Stimmen behalten mehr Sauberkeit, Becken fransen weniger aus und dicht arrangierte Musik bleibt geordneter, anstatt gegen Ende der Seite langsam nervös zu werden.
Das Blue macht daraus kein technisches Spektakel.
Es klingt einfach entspannter.
Das ist überhaupt eine Qualität, die wir an diesem Tonabnehmer mögen. Er löst besser auf als das Red, ohne in diese Falle zu geraten, in der plötzlich jedes Knacken und jede mittelmäßige Pressung zum Hauptdarsteller wird. Die zusätzliche Information wird nicht wie unter einer Lupe präsentiert, sondern fügt sich in die Musik ein.
Genau deshalb funktioniert das 2M Blue mit sehr unterschiedlichen Platten so gut.
Man kann damit eine sauber produzierte Jazzaufnahme hören und bekommt diese wunderbare Mischung aus Raum, Körper und kleinen dynamischen Nuancen. Danach kann eine alte Rockplatte folgen, die vielleicht nicht mit dem Anspruch produziert wurde, fünfzig Jahre später auf einer audiophilen Anlage seziert zu werden, und trotzdem bleibt der Spaß erhalten. Elektronische Musik profitiert vom saubereren Bass, Soul und Singer-Songwriter-Aufnahmen von der feineren Stimmwiedergabe, und bei gut aufgenommenen akustischen Instrumenten versteht man schnell, was mit besserer Abtastung eigentlich gemeint ist.
Das Blue spielt nicht spektakulärer.
Es spielt genauer.
Und genau dadurch wirkt Musik größer.
Ein sauber abgetasteter Bass ist beispielsweise nicht zwingend fetter. Oft passiert sogar das Gegenteil: Er wird schlanker, aber körperlicher, weil Anfang und Ende eines Tons deutlicher werden. Man hört nicht nur einen tiefen Ton, sondern auch, wie er angeschlagen oder gezupft wurde und wie er anschließend ausschwingt.
Bei Stimmen passiert etwas Ähnliches.
Eine Stimme bekommt nicht automatisch mehr Präsenz, nur weil ein Tonabnehmer besser ist. Aber kleine Veränderungen in der Artikulation, Atem, Mikrofonabstand und Raum werden klarer nachvollziehbar. Dadurch entsteht dieses schöne Gefühl von Nähe, ohne dass die Stimme künstlich aus dem Mix herausgezogen wird.
Das ist wesentlich interessanter als ein Tonabnehmer, der einfach nur heller spielt und dadurch beim ersten Vergleich vermeintlich mehr Details liefert.
Technisch basiert das 2M Blue auf Ortofons bewährter Moving-Magnet-Konstruktion mit vier Spulen, OFC-Kupferdraht und Split-Pole-Pins. Diese geteilten Polstifte sind eine eigene Ortofon-Technologie, mit der sich der Frequenzgang eines MM-Systems linearer gestalten lässt und die nach Aussage des Herstellers Eigenschaften klassischer Moving-Coil-Systeme näherbringen soll.
Trotz dieses technischen Aufwands bleibt das Blue im Alltag angenehm unkompliziert.
Mit einer Ausgangsspannung von 5,5 mV liefert es ein kräftiges Signal und funktioniert mit praktisch jeder hochwertigen MM-Phonostufe. Der empfohlene Abschluss liegt klassisch bei 47 kOhm, die Kapazität sollte sich insgesamt zwischen 150 und 300 pF bewegen. Das System verlangt also keine exotische Verstärkung und keine MC-Phonostufe mit verstellbarer Impedanz, sondern lässt sich sehr unkompliziert in eine bestehende Anlage integrieren.
Das macht den 2M Blue für uns besonders spannend, weil er bereits weit genug in Richtung ernsthaftes Analog-HiFi geht, ohne die Sache unnötig kompliziert zu machen.
Man braucht keinen besonderen Übertrager, kein Spezialwissen über interne Spulenimpedanzen und auch keine Phonostufe mit zwanzig Schaltern auf der Unterseite. Eine gute MM-Stufe, vernünftige Verkabelung und vor allem eine saubere Einstellung des Tonabnehmers reichen völlig.
Die empfohlene Auflagekraft liegt wie beim 2M Red bei 1,8 Gramm. Ortofon erlaubt einen Bereich von 1,6 bis 2,0 Gramm, wobei wir grundsätzlich mit dem empfohlenen Wert beginnen würden. Die dynamische Compliance liegt bei 20 µm/mN, das Gewicht bei 7,2 Gramm. Damit passt das Blue sehr gut zu einer großen Zahl moderner und klassischer mittelschwerer Tonarme.
Entscheidend bleibt trotzdem die Justage.
Ein nackter elliptischer Diamant kann sehr präzise arbeiten, möchte dafür aber auch korrekt in der Rille stehen. Überhang, Kröpfung, Auflagekraft und Antiskating sollten also nicht nach Augenmaß eingestellt werden, und je nach Tonarm lohnt auch ein Blick auf die Tonarmhöhe.
Das ist keine komplizierte Wissenschaft, aber es macht einen hörbaren Unterschied.
Ein Blue, das sauber justiert ist, klingt offener, stabiler und ruhiger als eines, das einfach ungefähr gerade in die Headshell geschraubt wurde. Gerade im Hochton und bei der räumlichen Abbildung kann eine kleine Fehlstellung viel von dem verschenken, wofür man das bessere System eigentlich gekauft hat.
Das Schöne an der 2M-Serie ist, dass Ortofon das ganze Thema mechanisch sehr sinnvoll aufgebaut hat.
Das klassische 2M Blue gibt es für die meisten gängigen Tonarme, daneben existiert die vormontierte Variante auf einer SH-4-Headshell für S-förmige Tonarme mit SME-kompatiblem Bajonett. Für Konstruktionen mit Unterseitenmontage gibt es die Verso-Version, und speziell für flach bauende Tonarme wie jene von Rega bietet Ortofon das 2MR Blue mit niedrigerem Gehäuse an.
Gerade die 2MR-Version finden wir wichtig, weil das normale 2M-Gehäuse relativ hoch baut. Auf einem Rega kann dadurch sonst eine Anpassung der Tonarmhöhe notwendig werden, während das 2MR genau dafür entwickelt wurde, diese Geometrie ohne zusätzliche Distanzstücke besser zu treffen.
Besonders charmant ist aber der Upgrade-Pfad innerhalb der Serie.
Wer bereits ein 2M Red besitzt, muss nicht den kompletten Tonabnehmer austauschen, um den Schritt zum Blue zu machen. Der Red- und Blue-Generator sind mechanisch miteinander kompatibel, und Ortofon sieht die 2M-Blue-Nadel ausdrücklich als Upgrade für das 2M Red vor. Der vorhandene Tonabnehmerkörper bleibt am Arm, die rote Nadel wird abgezogen und durch den blauen Nude-Elliptical-Einschub ersetzt. Da der Body dabei nicht bewegt wird, ist anschließend auch keine erneute Tonabnehmerausrichtung notwendig.
Das ist ein erstaunlich sinnvoller Weg, einen Plattenspieler aufzurüsten.
Gerade bei einem guten Einsteiger- oder Mittelklasse-Laufwerk ist der Schritt vom Red zum Blue oft groß genug, dass man ihn sofort versteht, aber klein genug, dass man dafür nicht die gesamte Anlage neu denken muss. Der vorhandene Tonarm bleibt, die Phonostufe bleibt, sogar der Tonabnehmerkörper bleibt, und trotzdem bekommt man durch den besseren Diamanten mehr Ruhe, Auflösung und Feindynamik.
Wir mögen solche Upgrades.
Sie zeigen ziemlich schön, dass Analog-HiFi nicht immer bedeuten muss, jedes Mal das komplette Gerät zu ersetzen.
Auch bei der späteren Wartung ist das Blue angenehm unkompliziert. Die Nadel ist austauschbar und Ortofon nennt bei korrekter Pflege bis zu etwa 1000 Stunden mögliche Nutzungsdauer ohne nennenswerten Leistungsverlust. Wie lange eine Nadel tatsächlich hält, hängt natürlich stark davon ab, wie sauber die Platten sind, ob die empfohlene Auflagekraft eingehalten wird und ob der Diamant regelmäßig vernünftig gereinigt wird.
Tausend Stunden sind trotzdem eine Menge Musik.
Bei fünf Plattenseiten pro Woche reden wir über Jahre.
Und irgendwann wird aus diesem kleinen blauen Kunststoffteil vielleicht eine erstaunlich genaue Chronik dessen, was man in dieser Zeit alles gehört hat.
Das Design ist inzwischen ohnehin ein Klassiker. Die kantige 2M-Form entstand ursprünglich gemeinsam mit dem dänischen Designbüro Møller Jensen und sieht auch nach vielen Jahren noch eigenständig aus. Das Blue trägt denselben schwarzen Grundkörper wie seine Geschwister, bekommt aber natürlich den markanten blauen Nadeleinschub.
Man erkennt es sofort.
Auf einem modernen Plattenspieler wirkt es technisch und klar, auf einem älteren Laufwerk beinahe ein wenig futuristisch. Und weil die 2M-Serie inzwischen so verbreitet ist, hat das Design etwas angenehm Vertrautes bekommen. Man muss nicht erst erklären, was da vorne am Tonarm hängt.
Trotzdem würden wir das 2M Blue nicht einfach als „besseres Red“ abtun.
Dafür verändert der Nude-Elliptical-Diamant zu viel.
Das Blue gehört für uns zu jener Klasse von Tonabnehmern, bei der man beginnt, die Unterschiede zwischen Pressungen, Phonostufen und Plattenspielern wirklich zu verstehen. Nicht, weil es analytisch oder gnadenlos wäre, sondern weil es genug Information aus der Rille holt, um diese Unterschiede nachvollziehbar zu machen.
Eine gute Pressung öffnet sich stärker.
Eine bessere Phonostufe bringt mehr Ruhe und Raum.
Ein stabileres Laufwerk zeigt mehr Timing.
Und eine wirklich saubere Justage zahlt sich plötzlich deutlich aus.
Das ist der Moment, an dem Vinylhören ein Stück tiefer geht.
Nicht komplizierter.
Nur interessanter.
Gerade deshalb sehen wir das 2M Blue als einen der Sweet Spots innerhalb der 2M-Familie. Das Red ist ein hervorragender Einstieg, und oberhalb des Blue warten mit Bronze und Black noch deutlich feinere Schliffe und ambitioniertere Konstruktionen. Aber beim Blue passiert etwas Entscheidendes: Man bekommt bereits einen nackten Diamanten, sehr gute Abtastfähigkeit und genügend Auflösung, um auch eine hochwertige Anlage ernsthaft zu bedienen, bleibt aber bei der unkomplizierten MM-Technik und einem System, das mit sehr unterschiedlichen Platten Spaß macht.
Es ist ambitioniert, ohne neurotisch zu werden.
Und das ist bei Tonabnehmern eine ziemlich attraktive Eigenschaft.
Unsere Meinung
Das Ortofon 2M Blue ist für uns der Punkt in der 2M-Serie, an dem aus einem sehr guten Alltags-Tonabnehmer ein wirklich ambitioniertes HiFi-System wird.
Der Nude-Elliptical-Diamant bringt hörbar mehr Ruhe, Offenheit und Präzision als beim 2M Red, ohne dessen unkomplizierten Charakter über Bord zu werfen. Der Bass wird konturierter, Stimmen bekommen mehr Textur, und die Bühne gewinnt an Tiefe und Stabilität, wobei das Blue trotzdem genügend Großzügigkeit besitzt, um nicht nur perfekt produzierte audiophile Platten interessant zu finden.
Dazu kommen die sehr hohe Alltagstauglichkeit, der kräftige 5,5-mV-Ausgang, die breite Kompatibilität mit MM-Phonostufen und der hervorragende Upgrade-Weg innerhalb der 2M-Familie.
Wenn das 2M Red zeigt, wie viel mehr in einem guten Plattenspieler stecken kann, dann geht das Blue den entscheidenden Schritt weiter und zeigt, wie viel mehr eigentlich in der Platte steckt.
Und genau deshalb ist es seit Jahren eines unserer Lieblingssysteme in dieser Klasse.

Ortofon 2M Blue

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