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Ortofon 2M Red
Ortofon 2M Red
Der 2M Red ist seit Jahren einer der bekanntesten Moving-Magnet-Tonabnehmer überhaupt und wahrscheinlich auf mehr Plattenspielern zu finden als so manches deutlich exotischere System. Das macht ihn nicht langweilig. Im Gegenteil. Der 2M Red ist genau deshalb so erfolgreich, weil er eine ziemlich schwierige Aufgabe erstaunlich gut löst: Er bringt mehr Energie, mehr Raum und mehr musikalische Ordnung aus der Rille, ohne aus dem Einstieg in gutes Analog-HiFi eine Wissenschaft zu machen.
Er ist offen, direkt und rhythmisch. Ein wenig warm, aber keineswegs gemütlich eingedickt. Er zeigt deutlich mehr von einer Aufnahme als viele sehr einfache Seriensysteme, bewahrt sich dabei aber eine gewisse Großzügigkeit. Nicht jede Platte muss audiophil produziert sein, damit man sie mit ihm genießen kann.
Das ist für uns ein wichtiger Punkt.
Denn der Sinn eines neuen Tonabnehmers besteht nicht darin, plötzlich festzustellen, dass man die Hälfte seiner Plattensammlung nicht mehr hören möchte.
Der Sinn besteht darin, sie neu zu entdecken.
Beim 2M Red beginnt das häufig mit dem Mittelton. Stimmen stehen klarer im Raum, Gitarren bekommen mehr Struktur und ein Klavier besitzt plötzlich deutlich mehr Anschlag und Körper. Dazu kommt ein Hochton, der offener und definierter spielt als bei vielen einfachen Standardsystemen, ohne den ganzen Abend nur darauf hinzuweisen, wie viele Becken ein Schlagzeug besitzt.
Auch der Bass verändert sich.
Nicht unbedingt dadurch, dass plötzlich mehr davon vorhanden wäre. Sondern dadurch, dass er besser organisiert wird. Basslinien lassen sich leichter verfolgen, eine Kickdrum bekommt eine klarere Kontur und rhythmische Musik beginnt stärker zu ziehen.
Das 2M Red ist dabei kein besonders zurückhaltender Tonabnehmer.
Es hat Energie.
Ein Rockalbum darf knallen. Funk darf federn. Elektronische Musik darf pulsieren. Eine Stimme darf nah sein. Gerade bei Musik, die von Rhythmus und direkter Ansprache lebt, versteht man ziemlich schnell, warum dieses kleine rote System so viele Fans gefunden hat.
Ortofon selbst beschreibt den 2M Red als offen und dynamisch mit einer leichten Wärme. Das trifft seinen Charakter ziemlich gut.
Technisch handelt es sich um ein klassisches Moving-Magnet-System. Das ist gerade für den Einstieg eine ausgesprochen angenehme Lösung. Der Ausgangspegel liegt bei kräftigen 5,5 mV, wodurch der 2M Red mit praktisch jeder vernünftigen MM-Phonostufe funktioniert. Man braucht keinen exotischen MC-Übertrager, keine besonders rauschfreie Hochverstärkung und keine lange Tabellenstudie zur richtigen Impedanz. Ein guter MM-Eingang mit 47 kOhm reicht grundsätzlich aus. Ortofon empfiehlt eine Kapazität zwischen 150 und 300 pF.
Das klingt zunächst nach Nebensache, ist im Alltag aber sehr sympathisch.
Der 2M Red möchte Musik spielen.
Er möchte nicht zum neuen Teilzeitjob werden.
Der Generator arbeitet mit Ortofons Split-Pole-Pin-Technologie und vier Spulen mit OFC-Kupferdraht. Die Konstruktion soll das Verhalten klassischer Moving-Magnet-Systeme verbessern und eine sauberere, präzisere Signalgewinnung ermöglichen. Das System erreicht dabei eine Kanaltrennung von 22 dB bei 1 kHz und einen Frequenzgang von 20 Hz bis 20 kHz mit einer angegebenen Abweichung von +3/-1 dB.
Die wichtigere Zahl sitzt allerdings ganz vorne.
Dort arbeitet ein elliptisch geschliffener Diamant auf einem Aluminium-Nadelträger. Der Schliff besitzt Radien von 8/18 µm. Im Vergleich zu sehr einfachen sphärischen Nadeln kann ein elliptischer Schliff die Modulationen in der Rille genauer verfolgen, insbesondere dort, wo die Rillen enger und komplexer werden.
Das hört man vor allem bei komplexeren Passagen.
Stimmen bleiben besser voneinander getrennt. Streicher werden weniger zu einer geschlossenen Fläche. Becken behalten mehr Struktur. Und gegen Ende einer Plattenseite, wo die Rillengeschwindigkeit sinkt und die Abtastung schwieriger wird, hat ein sauber justiertes elliptisches System einen klaren Vorteil gegenüber sehr einfachen Nadelformen.
Der 2M Red ist trotzdem kein Tonabnehmer, der jede Information aus der Rille kratzt.
Das soll er auch gar nicht sein.
Weiter oben in der 2M-Serie wird es feiner, präziser und deutlich auflösender. Genau das macht die Serie so sinnvoll. Der Red markiert nicht das Ende, sondern einen sehr guten Anfang.
Und Ortofon hat diesen Upgrade-Weg erfreulich clever gelöst.
Die Nadeleinschübe von 2M Red, 2M Blue und 2M Silver sind innerhalb dieser Gruppe austauschbar. Wer später mehr möchte, kann den vorhandenen Red-Generator behalten und einfach auf eine 2M-Blue-Nadel wechseln. Ortofon empfiehlt diesen Schritt ausdrücklich als Upgrade. Die Blue-Nadel verwendet einen nackten elliptischen Diamanten und kann dadurch noch präziser abtasten.
Das ist einer unserer Lieblingspunkte am 2M Red.
Man kauft keinen Tonabnehmer, der nach zwei Jahren komplett ersetzt werden muss, nur weil die Ansprüche gewachsen sind.
Man kann anfangen.
Hören.
Erfahrungen sammeln.
Und später einfach die Nadel aufrüsten.
Das ist Analog-HiFi, wie es sein sollte.
Der Nadeleinschub selbst ist natürlich ebenfalls separat erhältlich. Ortofon nennt bei guter Pflege eine Lebensdauer von bis zu etwa 1000 Stunden, bevor eine relevante Leistungseinbuße auftreten muss. Wie lange eine Nadel in der Praxis hält, hängt natürlich von Plattenzustand, Sauberkeit, korrekter Auflagekraft und Justage ab.
Und genau da sollten wir über einen Punkt sprechen, der bei Tonabnehmern wichtiger ist als fast jede Produktbeschreibung.
Montage.
Der beste Tonabnehmer klingt mittelmäßig, wenn er schlecht eingestellt ist.
Der 2M Red arbeitet mit einer empfohlenen Auflagekraft von 1,8 Gramm. Der zulässige Bereich liegt zwischen 1,6 und 2,0 Gramm. Seine dynamische Compliance beträgt 20 µm/mN, das System wiegt 7,2 Gramm und passt dadurch zu einer großen Zahl klassischer mittelschwerer Tonarme.
Aber Gewicht und Schrauben allein reichen nicht.
Überhang, Kröpfung, Auflagekraft, Antiskating und Tonarmhöhe sollten stimmen. Besonders bei einem elliptischen Schliff lohnt sich eine saubere Justage, denn je präziser die Nadel die Rille lesen kann, desto stärker profitiert sie davon, auch wirklich richtig darin zu stehen.
Wir montieren Tonabnehmer deshalb nicht nach Augenmaß und einem optimistischen „wird schon passen“.
Eine gute Einstellung kostet ein wenig Zeit.
Danach hat man sehr lange etwas davon.
Auch beim Gehäuse hat Ortofon auf Alltagstauglichkeit geachtet. Das markante rote 2M-Design entstand gemeinsam mit dem dänischen Industriedesignbüro Møller Jensen Design und ist inzwischen fast schon ein kleiner Klassiker. Die facettierte Form orientiert sich optisch an einem Diamanten und wurde gleichzeitig so gestaltet, dass die Montage und Ausrichtung auf vielen gängigen Headshells vergleichsweise unkompliziert bleibt.
Man erkennt einen 2M Red sofort.
Schwarz.
Rot.
Ein bisschen technisch, ein bisschen futuristisch und inzwischen so vertraut, dass er auf einem modernen Rega genauso selbstverständlich aussieht wie auf einem klassischen Technics.
Wobei es bei Rega einen wichtigen Punkt gibt.
Das normale 2M-Gehäuse baut relativ hoch. Für bestimmte Plattenspieler und Tonarme mit geringer Bauhöhe bietet Ortofon deshalb die flachere 2MR-Serie an. Der 2MR Red nutzt denselben grundsätzlichen Ansatz und dieselbe Red-Nadel, besitzt aber ein speziell niedrigeres Gehäuse, das unter anderem für Rega-Tonarme gedacht ist.
Welche Variante sinnvoll ist, hängt also vom Plattenspieler ab.
Das normale 2M Red passt zu sehr vielen klassischen Tonarmen. Für SME-kompatible S-förmige Arme gibt es außerdem eine vormontierte Version auf Ortofons SH-4-Headshell, und für Konstruktionen mit Bodenmontage existiert die Verso-Version.
Die 2M-Serie ist dadurch ungewöhnlich universell.
Nicht universell im Sinn von „irgendwie anschrauben und hoffen“.
Sondern im Sinn von: Für sehr viele klassische Plattenspieler gibt es eine mechanisch wirklich passende Lösung.
Klanglich würden wir den 2M Red vor allem Menschen empfehlen, die von einem sehr einfachen Standardsystem kommen.
Denn dort ist der Sprung oft am größten.
Ein guter Plattenspieler kann deutlich mehr, als sein ab Werk montierter Billigtonabnehmer zeigt. Das Laufwerk hält die Geschwindigkeit stabil. Der Tonarm führt sauber. Die Lager funktionieren. Aber ganz vorne sitzt ein System, das nur einen Teil dessen aus der Rille herausholt.
Dann wird ein Tonabnehmerwechsel interessant.
Der 2M Red kann aus so einer Anlage plötzlich mehr Raum herausholen. Stimmen lösen sich besser. Der Bass bekommt Kontur. Gitarren haben mehr Textur. Zwischen den Instrumenten entsteht mehr Luft.
Man hört nicht einfach „mehr Höhen“.
Man versteht die Aufnahme besser.
Das ist ein Unterschied.
Und vielleicht liegt darin die eigentliche Stärke des 2M Red.
Er hat genug Auflösung, um einen Plattenspieler hörbar nach vorne zu bringen, aber noch nicht diesen Charakter eines Systems, das jede kleine Schwäche der gesamten Kette gnadenlos aufdeckt.
Man kann damit ganz hervorragend alte Platten hören.
Gebrauchte Platten.
Rockplatten.
Indie.
Metal.
Soul.
Hip-Hop.
Jazz.
Auch die eine oder andere Pressung, die vermutlich nie einen Preis für audiophile Perfektion gewinnen wird.
Der Red macht daraus keine klinische Untersuchung.
Er spielt.
Das bedeutet nicht, dass er Fehler versteckt. Knistern bleibt Knistern. Eine schlechte Pressung bleibt eine schlechte Pressung. Aber seine leichte Wärme und der expressive Mittelton verhindern, dass jede Unvollkommenheit sofort zum Hauptdarsteller wird. Schon ein früher What-Hi-Fi-Test hob gerade den vollen, ausdrucksstarken Mittelton und die gute Detailauflösung hervor, während beim absoluten Bassdruck noch Luft nach oben gesehen wurde.
Das ist auch heute noch eine ziemlich brauchbare Einordnung.
Wer maximalen Tiefbass, höchste Feinauflösung und ultrafeine Raumstaffelung sucht, steigt innerhalb der Serie weiter auf.
Wer einen richtig guten, unkomplizierten und musikalisch lebendigen Einstieg sucht, ist beim Red sehr schnell zuhause.
Und er funktioniert wunderbar als Referenzpunkt.
Mit dem 2M Red beginnt man nämlich Unterschiede zu hören.
Wie viel eine bessere Phonostufe ausmacht.
Was eine saubere Justage verändert.
Warum eine Plattenwäsche sinnvoll ist.
Wieso ein stabiler Tonarm wichtig ist.
Und irgendwann vielleicht auch, warum man plötzlich über einen 2M Blue nachdenkt, obwohl man sich geschworen hatte, dieses HiFi-Thema völlig entspannt anzugehen.
So fängt es meistens an.
Ein neues System.
Dann noch eine Platte.
Dann nur kurz die Phonostufen vergleichen.
Und plötzlich ist Sonntagabend.
Unsere Meinung
Der Ortofon 2M Red ist kein exotischer Geheimtipp.
Das muss er auch nicht sein.
Er ist bekannt, weil er funktioniert.
Weil er auf sehr viele Plattenspieler passt. Weil er unkompliziert mit MM-Phonostufen zusammenspielt. Weil seine 5,5 mV Ausgangsspannung im Alltag völlig unproblematisch ist. Weil sich die Nadel tauschen lässt. Und weil man später sogar unkompliziert auf eine 2M-Blue-Nadel aufrüsten kann.
Vor allem aber macht er aus Vinyl keine akademische Übung. Der 2M Red hat Energie, Farbe und einen schönen musikalischen Zug. Er spielt offen, direkt und mit genau genug Wärme, um auch abseits audiophiler Musterplatten Spaß zu machen.
Für uns ist er deshalb einer der sinnvollsten Schritte weg vom einfachen Standardsystem und hinein in ernsthaftes Analog-HiFi.
Nicht das Ende der Reise. Aber ein verdammt guter Ort, um sie zu beginnen.

Ortofon 2M Red

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